Psalm
Zuruf im Januar 2026
Wieder und wieder
Du sagst zu mir:
Nimm die Gebete,
die in Vergessenheit geraten,
wieder und wieder
in deine warmen Hände.
Halte deinen Glauben und deine Hoffnung,
die fossil werden mehr und mehr,
ganz nahe an dein pochendes Herz.
Schau die Blumen an,
wie sie auf dünnem Stängel
in ihren Blüten das Licht tanzen lassen.
Miniaturen
Zuruf im Februar 2026
Auf möglichst kleinem Raum
taumelt und tastet
eine Linie, eine Form,
fr ei und schwerelos
zwischen Einfältigkeit und Einfachheit,
umtönt von einem Klang,
leise und lauter,
atmet ein und atmet aus.
Alles sucht hier nach einem Weg
in eine Armut,
die nichts entbehrt,
die dankt und vertraut,
die keine Angst hat,
wirklich zu sein.
Aus dem Buch „Senkrechter Gesang“, 2024
Endlich
Zuruf im März 2026
Winterliche Starre beginnt zu schweben,
lässt ihre Schwere los,
gibt sich auf ins freie Steigen,
wandelt sich ins erste Grün.
Da wünsche ich mir:
Mein Herz sei eine Vogeltränke,
gefüllt mit Regenwasser, still und klar,
sanft spiegelnd den ruhenden Himmel
mit seinen treibenden Wolken.
Forelle
Zuruf im April 2026
Gegen das Geströme schwimmen,
zurück zur Quelle,
dort fruchtbar werden.
Dann sich treiben lassen
mit dem Wasserlauf
bis zur Mündung
in den Strom,
bis zum Meer.
Und wieder
gegen das Geströme schwimmen,
zurück zur Quelle,
dort fruchtbar werden.
Und der Strom
in seinem breiten Gebettetsein
speist sich aus seinen vielen
springlebendigen Anfängen.
Ihnen
verdankt er immerzu
sein Bleiben im Treibenden.
Aus „Werde kein Zweig kleiner Vogel“, erschienen im April 2021.
Sternenkind
Zuruf im Mai 2026
Weltenreise
Zuruf im Juni 2026
Aus der Tiefe
des Leibes der eigenen Mutter
in die Welt kommen,
abgenabelt von der ersten Heimat:
Geburt.
Unmöglich ist das Bleiben
im Urgeborgenen,
im Allumfassenden,
im Allumhüllenden,
in dem geheimnisvollen Wunder,
dass jemand für dich atmet.
Ein Knoten versiegelt den Nabel, ein Mutter Mal.
Zurückkehren kannst du nicht mehr,
dir bleibt eine wehmütige Treue
zum Verlorenen.
Das Leben ist ausgetragen: entgrenzt.
Es beginnt deine Reise als Suchbewegung
nach Aufgenommenwerden
von Menschen und Landschaften,
von Hauspunkten und Lichtungen,
das alles
zwischen Irrfahrten und Ankommen.
Tau
Zuruf im Juli 2026
in die taugetränkte Stille des Waldes,
warten, bis die Nachtigall singt.
Ihr Lied steigt auf ins frühe Morgenrot
nach einer heil überstandenen Nacht.
Meine Seele erhebt sich mit diesen Tönen
lichtmalend ins Dunkel der heutigen Zeit,
auflesend Geschenke hier und da
am Saum meiner Pfade.
