Gerhard Mevissen

Zurufe

Zuruf im April 2020

 

Quarantäne

Meine Quarantäne hat viele Zimmer,

den scharlachroten Raum
der Ängste um die, die mir nah sind, und um mich,
die Furcht vor Verlust und Tod,

den enzianblauen Raum,
wo die Gedichtbändchen stehen, die Romane,
wo die Musik von Erik Satie erklingt,
die wärmende Stimme von Mark Knopfler mich tröstet,
wo das Herbarium aufgeschlagen liegt,

den ilexgrünen Raum,
in dem mich die vielen Einschränkungen stechen,
die abgesagten Konzerte und Ausstellungen,
die nicht möglichen Gespräche und Begegnungen,
die Vereinzelung,

den löwenzahngelben Raum
der biblischen Worte, des Psalmgebets
des Hoffens und Erbarmens,
der Stille,

den dunkelroten Raum
des Wutgebrülls
der Sturmtiefs und der entwurzelten Bäume,
des Espenlaubzitterns,
der Nachtfröste,

den weißen Raum
des Telefons, das kaum stillsteht,
des Internets fürs Mailen und Skypen,
des Briefpapiers,

den perlmuttschimmernden Raum,
wo lange vergessene Perlen wieder nach oben kommen.

 

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