Gerhard Mevissen

Zurufe

Zuruf im Januar 2016

Gerhard Mevissen - Zuruf im Januar 2016
Heute
Stille Speicher
VI.7 a-k
 
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Bei dir am Sterbebett

Ich fi nde keine Worte, die ich dir sagen kann.
Nichts klingt passend.
Mein Schweigen schweigt sich aus ohne einen Ton.
Ohne meine Lippen zu bewegen,
erzähle ich dir später etwas von früher:
Weißt du noch, wenn im März alles unter Froststarre lag,
da gab es diesen kleinen, warmen Ort in der Morgensonne,
wo der Frühling sich zuerst regte im grauen Winterfell:
Unter der alten Linde alljährlich eine Handvoll Winterlinge
- wie ein Nest warmgelber Köpfe junger Kanarienvögel.
Durch die dunkelbraune Laubdecke hindurch riefen sie
nach Licht.
Von hier aus brach das Wintergrau auf – unaufhaltsam,
brach auf ins Gelb der Narzissen, des Löwenzahns, des
Hahnenfuß`, brach auf ins Lilablau der Leberblümchen,
der Krokusse, des Schaumkrauts.
Von hier aus - wie aus einer mehr und mehr üppig
sprudelnden Quelle – verströmte sich alles in die Weite
der Wiesenflächen, verschwenderisch, bunt, duftend,
an den Feldrainen entlang bis in die Wälder.
Später lag der Ort des frühen Frühlings unscheinbar
im Schatten der Linde. Dankbar und ehrfürchtig gingst
du immer wieder mal mit mir daran vorbei.
Wir grüßten das nun erloschene Lichtnest der frühen
Winterlinge wie Blumen auf dem Grab des Winters,
wohl wissend, dass darunter die Lichtquelle lag.
Wir waren die einzigen Menschen im Dorf, die
das Geheimnis kannten. Wir verrieten es nicht.
Deine Lider bleiben geschlossen.
Zu hören ist nur dein Atem, holprig und leise.


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