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Gerhard Mevissen - Newsletter im Dezember 2018

Brief aus dem Atelier 65 - Dezember 2018


Liebe Freundinnen und Freunde kontemplativer Kunst!

H eute schreibe ich meinen Atelierbrief in die Zeit des Advents hinein und in das sich neigende Jahr: eine Zeit der Besinnung, des Hörens, des Wartens auf Weihnachten zu. So war das jedenfalls einmal. Nur wenigen gelingt das heutzutage noch.

I n meinen aktuellen Karteneditionen gibt es ein Motiv (Nr. 8), das sich auch adventlich-weihnachtlich lesen lässt. Hier ist das alte Sinnbild des Weihnachtssterns heruntergekommen auf die Erde. Sein Strahlen ist ermattet, als würde er sich ein wenig ausruhen. Das Sternzeichen liegt hier im Bild – nachglühend – in einer kleinen Ansammlung von blauen Zelten: Zelte der Freundschaft möglicherweise, Zelte der Familien und Gemeinschaften. Vielleicht reicht es ja, um hier Friedvolles und Liebevolles zu wirken.

E s gibt eine Reihe von solch alten Sinnbildern, die uns wie eine Post von einer in Vergessenheit geratenen Erinnerungsinsel erreichen. Hier fällt dem Bild die Funktion eines Briefes zu: eine überraschende Ankunft, die die Entfernung zu etwas Entlegenem überbrückt und so eine lebendige Kommunikation initiiert, obwohl so meilenweit weg von uns. Dennoch rückt es nun ganz nahe und berührt uns.

I n meinem eigenen Leben gibt es auch ein solches Bild: Es reicht zurück in die Zeit der Kirschblüte, die rieselt und rieselt. Es führt sogleich in meine Kindheit. Dort sehe ich mich immer wieder unter einem großen Süßkirschbaum stehen. Hier ist hörbar das leise Rauschen, wenn eine Windbrise durch die Krone zieht. Das gleichzeitige Fallen der warmweißen Blütenblätter, ihr raschelndes Reiben aneinander und untereinander im Flug, das Niederkommen des Blütenschneins auf dem Erdboden: ein Dreiklang des Leisen. Ein unvergleichlicher Moment, so selten zu hören, so selten zu sehen.

W erden nicht Gedichte aus Farbe oder Wort scheinbar mühelos und wie selbstverständlich von einem blühenden Kirschbaum oder Apfelbaum übertroffen mit seiner ihm eigenen poetischen Intensität: diese Baumkronen, wie sie ihre Blütenschönheit hoch in den Frühlingshimmel halten? Welches von Menschen gestaltete Bild oder Gedicht könnte es ihnen gleich tun? Es kommt mir vor wie die intensive Unmittelbarkeit eines poetischen Zaubers, den solche Frühlingsgeschöpfe auf mich wirken lassen. Am Ende hat der Baum sein Weiß restlos auf die Erde niedergelegt: ein runder Blütenteppich. Zarteste Schönheit lächelt mir so von Grund auf zu. Ich wage es nicht, sie mit Füßen zu betreten, diese grandiose Melancholie und Anmut zugleich. Einzig mein Schauen bewegt sich tastend über sie.

H ier können wir aufmerksam sein, lauschen auf feinste Klangspuren. Wir spüren in uns nach, ob kleinste Erschütterungen größere ankündigen. Wir nehmen möglicherweise den poetisch-spirituellen Habitus des Empfangens ein, der uns in stille Lebensfreude versetzen kann. Dann schreibt sich wie von selbst der Antwortbrief in uns zu den persönlichen Sinnbildern unseres Lebens und die Entfernung wird doppelt überbrückt und von zwei Seiten ausgehend aufgehoben. Unser Wahrnehmungsvermögen verstärkt das, was vorher nur schwach zu vernehmen war. Wir öffnen uns mühelos.

S chließlich wandert mein Blick wieder zurück zu dem Bild mit den blauen Zelten und dem sternförmigen Klecks, der in ihnen ruht. Das Zelten selbst ist eine Metapher, die häufig in meiner Bildwelt zu finden ist. Ein Zelt ist ein flüchtiger Hauspunkt, der wandert und sich nur vorübergehend dort aufhält, wo man kein Haus bauen kann und darf. Sinnbilder sind Momentaufnahmen, Sinnbilder leuchten in unsere Erfahrungen hinein. Sie sind auch ohne uns da. Aber sie erscheinen hin und wieder zeltend in unserem Leben.

Herzliche Grüße,
Ihr Gerhard Mevissen
Monschau, 12. Dezember 2018