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Gerhard Mevissen - Newsletter im Oktober 2017

Brief aus dem Atelier 54 - November 2017


Liebe Freundinnen und Freunde kontemplativer Kunst!

Z unächst ein kurzes Wort zur Aktion „Jahresgaben 2017“:
Sie wurde ein wunderbares Fest des Wiedersehens, des Neuentdeckens, auch des Findens von persönlichen Bildern und Büchern. Die Fortsetzung wird im Oktober 2018 folgen, mit Bildern, die noch nicht gemalt sind, die ich im Moment noch nicht einmal erahnen kann.

A ls Zuruf des Monats November habe ich vier Bilder aus dem Zyklus „Das Mögliche zum Fließen bringen“ ausgewählt, die die mögliche innere Bewegung des Psalmgebets in vier Bildstationen zeigen, von der Entschwerung bis zum Lobgesang.

Zuruf des Monats November

I ch habe nach fünfjähriger Unterbrechung wieder damit begonnen, mich in der Diözesan- und Dombibliothek Köln mit alten Handschriften zu beschäftigen. Genauer gesagt handelt es sich um die großen Gesangsbücher mit ihren Psalmgesängen, noch genauer gesagt im Moment um das berühmte Graduale Nr. 1b, das der Franziskanermönch Johannes von Valkenburg mit hoher Wahrscheinlichkeit in Köln 1299 fertiggestellt hat.

U nd schon höre ich Stimmen aus meinem Umfeld fragen und mahnen, warum ich denn mit solch verstaubten Objekten meine Zeit verschwenden wolle. Die seien doch bedeutungslos für die heutige Zeit.
Betrachte ich aber zum Beispiel die quadratischen Notenkörper dieses in sehr hoher künstlerischer Qualität gemalten und geschriebenen „Valkenburg-Graduale“, so wird mir mit großer Intensität klar, wie gegenwärtig dieser prächtige Buchkörper vor mir liegt. Ich schaue auf etwas sehr Altes mit einer langen Geschichte und gleichzeitig schaue ich auf etwas Gegenwärtiges: Es ist immer noch da!

G eschichte hört auf, ausschließlich etwas Alt-Ehrwürdiges und Vergangenes zu sein, wenn ich es mit Facetten meines Lebens konkret in Verbindung bringe. Dann hebt sich wundersam die Zeitachse auf und Geschichtliches wird gegenwärtiger Bestandteil meines Lebens. Verbinde ich beispielsweise eine biblische Erzählung mit meiner eigenen Lebensgeschichte kann mich offenbarendes Wort über die Jahrtausende hinweg berühren, poetische Verdichtungen können meine Augenblicke verklanglichen oder politische Geschichte beginnt, mich etwas zu lehren. Handele ich so als Maler, können Bildgeschöpfe entstehen, die aus der Tiefe des kulturellen Langzeitgedächtnisses im Prozess der Betrachtung zurückwirken: einwurzelnd, tröstend, erhellend, lichtend.

D as ist jedenfalls die Umgangsweise mit Geschichte und Kulturgeschichte, die ich als Maler seit vielen Jahren weiterentwickele. Ob es alte Ruinen oder archäologische Fundamentlagen sind, alte Artefakte, Buchmalerei und Handschriften, alte Erzählungen, Gedichte oder Mythen, über die Verbindung zum eigenen Leben und der eigenen Zeitepoche geschieht eine Tuchfühlung, öffnet sich die zeitliche Ferne wie ein schwankendes Licht wandernd durch Ruinenfelder, mal wie ein flüchtiges Irrlicht, mal wie ein strömendes Leuchten.

U nd es geschieht immer wieder:
Wenn ich auf die gut erhaltenen Pergamentseiten dieses alten Graduale schaue und seine noch in voller Schönheit aufscheinende Buchmalerei, die schwebenden Notenkörper, die wundervollen Buchstaben, dann kommt es mir vor, als trete ich – schauend – auf einen ehrwürdigen Platz hinaus. Stark angerührt fühle ich mich hinausgehoben in eine fremdartige Atmosphäre voller Schönheit und voller Andacht. Sie ist mir für einen Moment lang geschenkt. Diese kostbaren Bücher haben Jahrhunderte lang in der Liturgie der großen Kirchen einen festen Platz gehabt. Heute warten sie im Tresor fast ausschließlich auf wissenschaftliche Betrachtungen. Auf spirituelle, poetische Weise spechen sie zu mir als Maler wie ein Erbe, das ich kulturell auch mir vermacht fühle.

I ch schaue wieder auf die fein ausgeführten, schwarzen Notenvierungen. Sie markieren Töne auf vier roten Linien. Ihre Gestalt vibriert in ihrer großen Sorgfalt und Formvollendung. Obwohl tausende Notenzeichen hier in dem einen Buch versammelt sind, sind alle ausnahmslos in dieser hohen Sorgfalt gemalt. Alle schweben in der gleichen Spannung. Was für eine Sammlung, was für eine Ruhe! Man nahm sich Zeit für das, was einem heilig war. Ich denke für mich: Wenn wir doch auch so langsam und schön schreiben könnten...
Aber wir können es nicht lassen: Immer wieder fragen wir unsere überlastete Seele nur nach dem schnellsten Weg.

Herzliche Grüße,
Ihr Gerhard Mevissen
Monschau, 1. November 2017