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Gerhard Mevissen - Newsletter im Juli 2017

Brief aus dem Atelier 49 - Juli 2017


Liebe Freundinnen und Freunde kontemplativer Kunst!

G erade sitze ich im Atelier und beginne, diesen Brief zu schreiben. Mein Blick schweift aus dem Fenster über die Eifelhöhen hier. Vom obersten Wipfel unserer Linde aus fliegt ein kleiner Vogel - etwa 20 Meter hoch über dem Boden - ins Tal hinab, Richtung Bach; hüpfend, dahin schießend wie ein aus dem Verborgenen übers Wasser geworfener Stein. So müsste man malen und leben können...

M eine Frau Brigitte und ich waren in Irland wandern. Das verrät der Zuruf des Monats Juli; in einem Land: mittelwarm, regelmäßig kurze Regenschauern, sehr freundliche Menschen.

Zuruf des Monats Juli

N un ist bereits ein Monat vergangen, seitdem ich meine Bilder wieder aus der Pax Christi Kunstkirche Krefeld abgeholt habe. Dort erlebte ich über die Kunst viele gute Begegnungen mit Menschen; so viel neues Kennenlernen. Auf der Startseite der Homepage können Sie über eine Reihe von Fotos dieses interaktive Projekt ein wenig nachlesen. Die wunderbaren Fotoeinblicke hat Pit Siebigs aus Aachen von ausgewählten Bildstationen gestaltet.

Nachlese der Krefelder Ausstellung

V iele BesucherInnen sprachen darüber, dass sie in meinen kontemplativ gewonnenen Bildern viel freien Raum für ihre eigenen Wahrnehmungen und Erfahrungen erleben würden, manchmal auch eine Art feierlich-spirituelle Atmosphäre. Sie spürten eine sorgfältige, vielschichtige Bildgewinnung, einen tiefen Ausdruck ohne große Geste. Stattdessen viel Natürlichkeit, Strömen, Einfachheit, reichlich Platz für sich selbst, um sich selbst zu vergewissern.

M anchen war es unverständlich bis unheimlich, dass sie diese zurückhaltenden, meditativen Papierarbeiten von den materialschweren Plastiken und Installationen in der Kunstkirche optisch nicht erdrückt bzw. ins Harmlose gedrängt empfanden, vielmehr die kontemplativen Aquarelle manchmal den mächtigen Arbeiten sogar die Wucht zu entziehen schienen, sie zahm machen würden. Wie kann das sein?

I ch versuche es an der Station des ausdruckstarken „Nagelbootes“ von Günther Uecker zu erläutern: Dieses unbrauchbar gemachte und zernagelte Boot steht vor einem als ein Sinnbild für Ungerechtigkeit und nackte Gewalt an Schwächere. Mit aller Kraft scheint es nach Barmherzigkeit zu schreien. Deshalb habe ich ihm eine stille Arbeit aus dem Zyklus „Strömen und Leuchten“ sozusagen in den Rücken gestellt, ein Bild mit einem trostreichen Klang. So antworte ich auf der bildnerischen Ebene mit einer Geste des Mitleids, einer Geste der Barmherzigkeit. Der Schrei des Boots wird „gehört“. Es wird sich gekümmert, es ist jemand da, gegenüber und an seiner Seite: eine humane Geste. Das nimmt die Wucht aus dem Schrei und lässt ihn wieder etwas zu Atem kommen.

I m Bild wiederholen sich wärmere Farben, die Günther Uecker dem Holzboot im unterem Bereich gelassen hat, die nicht schwarz zugemalt sind. Sie spiegeln sich im Bild geheimnisvoll wider wie auf einer Wasseroberfläche, als ein Sinnbild für ein erstes Aufleuchten eines möglichen Neubeginns. Denn für die Überlebenden muss das Leben irgendwie weitergehen.

M eine Gedanken schweifen zu meiner Arbeit ins Atelier zurück. Hier spielt sich die Bildwerdung in komplexen, rationalen und intuitiven Prozessen ab. Dazwischen und dadrumherum liegt ein großes, wildes Land, von dem ich kaum eine Ahnung habe: so viel Geheimnis, so viel Quellengrund, so viel strömende, rieselnde, gurgelnde, plättschernde Wasser. Und immer wieder bedarf es dann einer Stille, die ihre Saatkörner in meine Zeit wirft, bedarf es eines Sehens, das mein Denken umbricht, mit der Pflugschar empfangender Sinnlichkeit.

Herzliche Grüße,
Ihr Gerhard Mevissen
Monschau, 1. Juli 2017