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Gerhard Mevissen - Newsletter im Dezember 2016

Brief aus dem Atelier 42 - Dezember 2016


Liebe Freundinnen und Freunde kontemplativer Kunst!

Z unächst mein Hinweis auf meine laufenden Projekte:

Jahresgaben 2016
die Bildsetzungen Stirb und Werde in der Grabeskirche Köln
und die Offenen Ateliertage vom 2. – 4. Dezember.
Herzliche Einladung dazu.

D as Bild und den Text für den Zuruf des Monats Dezember habe ich erneut aus dem Frühlingsläuferbuch entnommen. Mit diesen Worten meines persönlichen Lebensentwurfes möchte ich das Jahr 2016 im Guten beschließen. Zuruf des Monats Dezember

D ie sehr gut besuchten Großveranstaltungen der Buchpräsentation (Ende Oktober) und die Eröffnung der Ausstellung in der Grabeskirche (20. November) haben für meine Rückkehr ins Kölner Kunstfeld das gute Gefühl in mir hinterlassen, dass nicht so viel verlorengegangen ist in den letzten Jahren meines Rückzugs. Ich kann wieder mit Maß draußen gestalten. Das ist eine große Freude.

V iele trugen die Frage an mich heran, warum das Schneiden in meinen Bildern so intensiv geworden ist. Ich versuche hier eine Antwort: Ich erinnere einen winterlichen Morgen Anfang November. Da lag für ein paar Stunden Schnee auf der Landschaft. Ich sah einen zartblauen Himmel. Er uferte sanft über den anthrazitfarbenen Hügelkämmen und der Schneelandschaft darunter.

D iese baumgesäumte Horizontlinie ist ein gesehener Schnitt auf dem Erdenball; eine geschaute Begrenzung, wie ich weiß. Real existiert sie nicht. Horizont ist da, bis wo mein Auge hinreicht; ein winziges Fragment der ganzen Erdoberfläche. Der Schnitt markiert meine visuelle Reichweite. Die Horizontlinie kann sehr scharfkantig aussehen, aber in Wahrheit ist sie eine weiche Linie. Mit jeder Wanderbewegung löst sie sich auf und bildet sich neu, als das vorläufige Ende meiner Reichweite.

I n meinen Bildern sind die Schnitte in erster Linie eine Methode der Bildgestaltung, und nicht das Thema. Ich erweitere die Bildräume bzw. Bildhorizonte zu reliefartigen Papiertrassen, als Wandergebiet für das Schauen. So kann ich sich weitende Umräume um ein Bildmotiv anlegen, auf deren Schnitten das wandelnde Licht des Tages leuchtet oder schattet.

N atürlich kann uns Bildbetrachtern über die Schnitte das Leben in einer Welt voller Brüche und Einschnitte anwehen. Wir Menschen sind gefordert, Schnitte, Risse und Verwerfungen zu gestalten. Haben wir den Mut, aus Fragmenten etwas Neues zu bauen, brüchigen Gründen zu trauen, darauf weiterzugehen und zu erfahren: Sie können uns tragen.

M it einem geistigen Schnitt öffne ich Altes. Dann kann Neues hervortreten. Für das Alte ist es eine Verletzung, für das Neue eine Befreiung. Bin ich im Alten, schmerzt mich der Schnitt. Bin ich im Neuen, fühle ich Weite. Ich erlebe: Mit einem Schnitt kann ich das Bild wie einen alten Schrank oder eine versiegelte Schatztruhe öffnen. Es kann eine Art Archäologie der Lebensfreude sein, ein Ausgraben und Freilegen von etwas, das schon lange darauf gewartet hat, wieder neu gefunden zu werden.

Herzliche Grüße,
Ihr Gerhard Mevissen
Monschau, 1. Dezember 2016