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Gerhard Mevissen - Newsletter im September 2016

Brief aus dem Atelier 39 - September 2016


Liebe Freundinnen und Freunde kontemplativer Kunst!

A m vergangenem Wochenende habe ich im Kreise meiner Familie und Freunde die Vollendung meiner 60 Lebensjahre gefeiert. Es war ein wenig zu heiß. Es war reich, reich an Zuneigung, an Fülle und an Segen. Ein großes Geschenk!

G leichzeitig der aktuelle Moment: Der „Frühlingsläufer“ will losgeschickt werden in die Welt. Die freien Buch-Editionen werden auf die Startseite gestellt. Die Werbepost ist eingetütet. Und die Buchdruckerei meldet: Am 8. September soll geliefert werden. Wir werden sehen... Also die Buchbestellung kann losgehen.

A ls Zuruf des Monats September habe ich erneut eine Buchedition ausgewählt, ein kleines Format. Sie thematisiert das Gegenteil von Umtriebigkeit nämlich das Empfinden eines ganz tiefen, meditativen Moments des Ruhens in der Zeit.
Zuruf des Monats September

W ovon handelt der „Frühlingsläufer“, werde ich immer wieder gefragt. Das ist schwer in einen Satz zu fassen. Vielleicht ist es mir besonders wichtig, mit den LeserInnen Wahrnehmungen und Erfahrungen zu teilen, die das Sehen erweitern und die Zeit dafür notwendig dehnen.

I ch lebe seit 13 Jahren hier oben in der Eifel. Vom Atelier aus schaue ich auf meine Wildblumenwiese, die sich Jahr um Jahr mit Vielfalt anreichert. Sie kommt mir mehr und mehr wie eine Lichtmembran vor. Sie spiegelt mir in den vielfältigen Grüntönen des Tages und der Jahreszeiten das sich ständig mehr oder weniger verändernde Licht des Himmels. Es ist wie eine atmende Wahrnehmungshaut für das wechselnde Geklänge des Tages.

H ier muss ich an den Maler Monet und seinen Garten von Giverny denken, insbesondere an die späten Seerosenbilder, die er in seinen letzten 15 Lebensjahren malte, nachdem seine zweite Frau verstorben war. Er nannte seinen Seerosengarten den „großen Tröster“. Bei ihm wurden die Teichflächen zu großen Spiegelflächen der Lichtbewegung draußen und der Seelenbewegung drinnen, wie ein weit ausgefächertes Außenorgan seines lebenslang sich weiterentwickenden Wahrnehmungsvermögens. Daraus kann eine auseinanderzerrende Überspannung des Fühlungsvermögens werden, ebenso wie eine tiefe Harmonie mit all den Erscheinungen der äußeren und inneren Welt erwachsen, ja, zusammenfallen.

M onet liess seinen Gärtner tagtäglich in der Frühe über seine Teiche rudern und alles Störende von der Wasseroberfläche abfischen. Vielleicht ist das das Amt des „Frühlingsläufers“: die Spiegel zu putzen für das persönliche Schauen auf das Leben mit seiner ganzen Freude und seinem vielfältigen Leid; und Mut zu machen, mehr Weite, mehr Tiefe, mehr Lebendigkeit, mehr Zärtlichkeit und Trost zuzulassen, mehr Nähe zur Schöpfung und zum Schöpfer.

N och einmal zurück zu Monet: Als er schon über 40 Jahre alt war, verstarb seine erste Frau Camille bei der Geburt des zweiten Kindes. Da entdeckte er in dem kleinen Dorf Giverny das alte Keltereigebäude. Dort legte er seinen berühmten Teichgarten über lange Jahre und mit vielen Helfern an. Von nun an brauchte er nicht mehr mühevoll in die Natur zu wandern, um zu malen. In dem groß werdenden Garten ging er nun mit seiner Staffelei umher. Die Motive drehten sich um ihm herum. Hier wurde nicht mehr der Standort gewechselt, sondern der Blickwinkel. Und was für eine überbordende und weitsichtige Antwort des Lebens, die Monet hier vollbringt: ein grandioser Garten für die Kunst nach dem Verlust seiner Frau, eine gigantische Anstrengung in Zeiten seiner Armut und Trauer.

Herzliche Grüße,
Ihr Gerhard Mevissen
Monschau, 1. September 2016