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Gerhard Mevissen - Newsletter im Juni 2016

Brief aus dem Atelier 36 - Juni 2016


Liebe Freundinnen und Freunde kontemplativer Kunst!

I ch sah in der tiefgehenden Morgensonne auf einer großflächigen Wiese am Hang eine alte Wegespur. Das halbhohe Gras und das lange Schatten werfende Licht machten sie sichtbar für eine kleine Weile.
Vielleicht war das einer dieser Trampelpfade, die zur Zeit vor der allgemeinen Automobilisierung Abkürzungen für FußgängerInnen waren.

D as Thema habe ich für den Zuruf des Monats Juni aufgegriffen und ihm ein Bild aus dem „Wanderatelier“ als Gegenüber gegeben.
Zuruf des Monats Juni

A us der Heimatkunde weiß ich, dass diese Fußpfade im und um ein Dorf herum die direkten Wege zur Kirche, zum Friedhof, zum Dorfbäcker u.a. waren.
Die eigentlichen Dorfstraßen, von Fuhrwerken stark zerfahren, oft morastig und voller Pfützen, konnte man so vermeiden. Und der kürzeste Weg war damals der schnellste Weg.

I ch erinnere Wanderwegfunde: Wie visuelle Echolinien mäandern vergessene Pfade und untergegangene Wegspuren -parallel oder kreuzend- in der Nähe zu den heutigen Autostraßen. Sie sind von Füßen geschaffen, oft über Jahrhunderte. Als Wanderer auf diesen Spuren nehme ich etwas anderes wahr als auf den Hauptstraßen, obwohl nur unwesentlich weit davon entfernt. Das Alte teilt sich mit dem Neuen dieselbe Landschaft.
Sie stammen aus verschiedenen Zeitkorridoren und scheinen nichts voneinander zu wissen.

H ier spüre ich meine vielen Vorgänger. Ich befinde mich in der Gegenwart bei mir selbst und gleichzeitig in einer fernen Vergangenheit mit meinen Gedanken vagabundierend. Ich stelle mir vor, wie es früher hier ausgesehen hat. Ich erfinde mir Geschichten, höre alte Wegelieder aus dem Verborgenen auftönen, Kampfgeschrei, einen herangaloppierenden Kurier.
Ich nehme Stimmungen wahr. Manche Wegabschnitte fühlen sich angenehm an, andere finster. Ich erinnere an einer alten Kopfweide eine unheimliche Begegnung aus meiner Kindheit.

D ie ausgebauten, alltäglichen Wege, die öffentlichen Schnellstraßen des Lebens, von ihnen aus schlage ich mich als Maler von berufs wegen tagtäglich in die Büsche und suche die Säume ab nach Ideen und Eingebungen. Auch hier stoße ich auf wenig begangene, oft schon stark zugewachsene Gedankenwege. Hier mache ich Erfahrungen mit den Randzonen unserer Gesellschaft, werde von starken Atmosphären ergriffen.
Plötzlich stehe ich vor einer seltenen Blume der Erkenntnis. Einige Momente später kann ich einem sehr unangenehmen Gedanken nur mit Mühe ausweichen, als querte eine donnernde Wildschweinherde meinen Weg.

D ann komme ich an Schrebergärten vorbei. Dort läuft mich fast ein wütender Gärtner um.
Er brüllt mich an, dass der Schrebergartenverein ihn rauswerfen wolle, weil er zuviel Unkraut stehen ließe. Ich dachte: Was wäre das zukunftsweisend, wenn sich alle Schrebergärtner zusammensetzen würden, um zu beschließen, sich alljährlich auf das Risiko einer ein Quadratmeter großen Stelle offener Erde einzulassen und sie dem freien Spiel der Natur anzubieten. Neben all dem „Unkraut“, was könnte da nicht alles ungerufen an botanischer Kostbarkeit vorbeikommen dürfen; Leben als kleine, offene Weite.

I ch erinnere die lange Wegstrecke, die ich manchmal in meinem Atelier auf einer nicht sichtbaren Linie von ca. drei Metern Länge hin und hergehe, in Gedanken. Dann begreife ich, dass Gehen und Denken sich gegenseitig ergänzen können, ja, dass manche Ideen konkrete Wege brauchen, um auftauchen zu können. Am Ende bleibt für mich die Frage übrig: Ob nicht gerade manch alter, verlorengegangener Pfad, der nur noch bei tiefem Sonnenstand wahrnehmbar ist, uns mit einem neuen, guten Gedanken verbinden könnte?

Herzliche Grüße,
Ihr Gerhard Mevissen
Monschau, 1. Juni 2016