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Gerhard Mevissen - Newsletter im April 2016

Brief aus dem Atelier 34 - April 2016


Liebe Freundinnen und Freunde kontemplativer Kunst!

S o.
Die Bilder sind aus dem Hospiz zurück. Das Experiment im Hochdahler Hospiz empfinde ich als sehr gelungen. Es hat sich viel zwischen den Bildsetzungen und den Menschen, die dort an meinen Aquarellen vorbeigekommen sind, ereignet. Und die Galerieausstellung in Luxembourg ist überfüllt gestartet. Schauen war dort erst spät am Abend möglich.
Dr. Paul Bertemes hat eine wunderbare Hängung gestaltet. Ich bin gespannt, was dort bis Anfang Juni geschehen wird.

D er letzte Brief aus dem Atelier schloss mit dem Gedanken des Über-die-Zeit-Schauens. Ich fand dazu das neue Bild einer lichtfunkelnden, morgendlichen Anhöhe und formulierte daraus den Zuruf des Monats April. So greife ich diesmal den Schlusspunkt vom Märzbrief wieder auf und lasse meine aktuellen Gedanken dazu fließen.

Zuruf des Monats April

V or drei Wochen befand sich plötzlich mein fast 86jähriger Vater erneut in einer lebensbedrohlichen Gesundheitskrise. So waren wir Angehörige mit einer Zeitzone seines Lebens konfrontiert, in der die jeweilige Tagesform mit ungewissem Ausgang angezeigt war. In uns Kindern setzte dies frei, intensiver Zeit mit ihm zu verbringen. Ebenso hatte in uns das fortwährende Rinnen eines Abschiedprozesses zu strömen begonnen, wie bereits bei voran gegangenen Gesundheitkrisen.

E s ereignete sich wie ein Schauen über die Zeit. Wie ein Lebenspanorama breiteten sich Szenarien aus, die uns mit unserem Vater verbinden, die wir mit ihm erlebt haben, die wir erinnern. Jeder von uns machte seine eigenen Funde, manche wurden untereinander oder mit ihm ausgetauscht. Es war uns kostbar, dass er – geistig ganz wach – oft sogar humorvoll das mit uns kommunizierte. Seine geistige Klarheit lässt ihn aber auch sein körperliches Einbrechen schmerzhaft bewußt mitvollziehen

W ir schauten gemeinsam auf sein Leben voller Leid und Freude, voller Verluste und Familienfeiern, die er so liebt. Und dann kurz vor Ostern die unerwartete Wende in seinem Leib: Das ausgefallene Organ nahm seine Arbeit wieder auf. Das Blatt wendete sich noch einmal in Richtung Leben. Das war eine wirklich österliche Achterbahnfahrt, Passion und Auferstehung in Einem.

J a, wir Christen befinden uns in der österlichen Zeit, schauen zurück auf die Passion, auf Folter, Erniedrigung, Verfluchung und Liquidierung, auf ein leeres Grab und seine österliche Hoffnungsfüllung an den Tagen, wenn sie uns gelingt.

S chaue ich auf die romanischen Kreuze, die ich seit langem schätze, erlebe ich diesen Doppelblick: Ich sehe das Leid und den Fluch des Kreuzes, das Sterben und Sich-Ergeben in dem unermesslichen Nervenschmerz hängend an den Nägeln. Ich sehe darin und dahinter, das sanfte Schweben und Aufsteigen rieseln und durchleuchten. Es ist nur ein haarfeiner Moment, wenn die Strömung wechselt, ob der gemarterte Leib an seinen ausgebreiteten Armen hängt oder ob er sich ausstreckt nach oben und kelchartig österliche Werdekraft sichtbar macht.

E s kommt mir dann manchmal vor, als vernehme ich einen leisen Ton aus diesen Gebeinen, einen Ton, der auf einem uralten Instrument gespielt wird, auf einer einzigen Saite. Leise und eindringlich zugleich tönt er auf aus großer Tiefe, voller Wehmut, voller Abschiedsklang. Für weiche Ohren wahrnehmbar schwingt in seinen vielfältigen Obertönen das Neue gleichzeitig mit.

Österliche Grüße,
Ihr Gerhard Mevissen
Monschau, 1. April 2016