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Gerhard Mevissen - Newsletter im Februar 2016

Brief aus dem Atelier 32 - Februar 2016


Liebe Freundinnen und Freunde kontemplativer Kunst!

L eider war es mir nicht vergönnt, zur Eröffnung meiner Hospizausstellung in Hochdahl zu kommen und sie mitzugestalten. Es war mir arg, dort einige meiner Leute nicht wiederzusehen und neue kennenzulernen.
Mein Lagerungsschwindel schlug genau an diesem Tag unerwartet zu. Für Samstag, den 13. Februar, um 15.00 Uhr lade zu einzigen Führung durch die Ausstellung ein.
Darauf freue ich mich nun noch mehr.

D er Zuruf des Monats Februar ist diesmal knapp formuliert. Er bringt dennoch eine starke Saite im Klangraum meines Lebens zum Klingen:
Mir genügt das Gelb des Löwenzahns.

Zuruf des Monats Februar

Als ich einer mir befreundeten Frau die Worte vorlas, begeisterte sie sich: "So mußt du dein neues Bild-Text-Buch betiteln. Das ist es!" Ich entgegnete: "Diese unverwüstliche Pflanze habe ich doch nun schon allzu oft für meine schöpferische Arbeit strapaziert."

"Sie ist sozusagen dein roter Faden. Was willst du mehr?" konterte sie sofort. Seitdem denke ich darüber nach und freunde mich mehr und mehr damit an...
Das Bild neben dem Zuruf des Monats gestaltete ich spontan vom Text angestoßen, also wieder eine Wort-Bild-Doppelkammer.

Ich las vor einigen Tagen einen Satz von dem berühmten englischen Bildhauer Henry Moore: "Ich möchte mit meiner Kunst dazubeitragen, dass die Menschen das Leben und die Natur besser verstehen, dass sie die Augen öffnen und empfänglich sind. Die Natur ist unerschöpflich."

"Das Leben und die Natur besser verstehen", "die Augen öffnen und empfänglich" sein. Dazu bedarf es wohl - wie ich es aus meiner eigenen Sehschule kenne - zunächst still und fühlig zu werden und zu warten, bis sich ein inneres Sehen und Wahrnehmen öffnet. Dann fühldenke ich, dann fühlsehe ich, dann fühlhöre ich mit meinem Herzen.
Daraus wachsen meine Bilder. Und die BildbetrachterInnen, die ebenso mit den Augen und mit dem Herzen zugleich schauen, die bekommen Neues zu sehen.

Oft werde ich gefragt, warum ich so gerne das warmschattige Gelb des Löwenzahns male. Dann antworte ich manchmal: Wenn ich Gold sehe, fühle ich Löwenzahngelb. Gold ist metallschwer und kalt. Löwenzahngelb öffnet alljährlich mein fröstelndes Winterherz frühlinghaft, üppig, unerschöpflich, strahlend und frei in der Landschaft. Es ist das Gefühl einer großen Wärmeverwandlung. Das äußere Sehen labt sich an dem kostbaren Glanz des Goldes. Das innere Sehen jubelt herzhaft über den Blütenteppich wie ein Frühlingsläufer.

D iese Unkaputtbarkeit, diese Flexibilität, sich auf fast alle Bedingungen einzustellen und dabei dennoch ganz unverfälscht Löwenzahn zu bleiben und zu sein. Ist das nicht großartig?
Oder die innere Kraft von Bäumen: Haben sie zu wenig Licht und keine angemessene Möglichkeit, es durch Höhenwachstum zu erreichen, dann schlagen sie zur der Seite aus, wo sie lichtfündig werden.
Sie verändern ihre Wachstumsregeln und brechen aus zum Licht. Ihr Geströme ändert seine Fließrichtung, statt sich verkümmern zu lassen. Und wenn sie den lichteren Ort erreicht haben, dann strömen die Säfte wieder vertikal.

Ich finde solche Beobachtungen ungeheuerlich begeisternd und ungeheuerlich ermutigend; wertvoller als Gold. Und gestohlen werden, können sie auch nicht. Ich kann also mit Henry Moore im Duett singen: „Die Natur ist unerschöpfllich.“ Da gehen mir als Künstler die inneren und äußeren Augen über und wohl so schnell weder die Inspiration noch die Bilder aus. So gesehen: Mir genügt das Gelb des Löwenzahns.

Herzliche Grüße,
Ihr Gerhard Mevissen
Monschau, 1. Februar 2016