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Gerhard Mevissen - Newsletter im September 2015

Brief aus dem Atelier 26 - September 2015


Liebe Freundinnen und Freunde kontemplativer Kunst!

D iesmal wähle ich als Zuruf des Monats September eine „Autobiographische Architektur“.
Im Zentrum dieses Textes steht das Thema „Stille Speicher“. Ein junges Stille-Speicher-Bild aus diesem Sommer gesellt sich dazu. Es bereitete in der schöpferischen Strömung den Text mit vor. Dieser „Stille Speicher“ gehört bereits zur sechsten Generation dieses Zyklusses. Er begann im Jahre 2000 und wirft immer noch Neugeburten. Welch eine Freude!
Zuruf im September 2015

I ch nehme seit Jahren wahr, dass meine Schreibe mehr und mehr aus dem Windschatten meiner Malerei hervorkommt. Ihr freies, ja, wildes Leben behält sie bei und wirft – wann immer sie will und wie immer sie will – ihre Wortgebilde aus. Mal inspiriert sie mich zu Malprozessen, mal ist es umgekehrt. Mal kann ich etwas eher schreiben, mal eher malen.

W ährend die Bilder aus oft langwierigen Prozessen erwachsen, bleibt das Schreiben eine Augenblickstat. Spontan treten die Worte aus; mündlich. Ich spreche sie mir vor, immer wieder. Dann schreibe ich sie auf, streiche einzweidrei Formulierungen und lasse sie in der unmittelbaren, handwarmen Erfahrungssprache stehen. Vielleicht ist das die Unmittelbarkeit, die beim Lesen überspringt. Solche Worte sind gesprochene Essenzen aus dem Ringen um Klarheit in den Erfahrungen. Ich mag es, sie im ursprünglichen Klang ihrer Entstehung zu belassen

J a, wie in der Musik braucht der Klang eines Wortes oder eines Bildes die Stille, um sich auszubreiten, braucht er Stille als Raum und Zeit. Sie bemisst die Höhe, die Breite und die Tiefe seiner Möglichkeiten.

N un schlage ich den Bogen zu meinem Zuruf des Monats zurück. Die „autobiographische Architektur“ meines Lebens sehe ich als Vierung von Garten, Einfachheit, Liebe und Kunst. In deren Mitte die Stille der Betrachtung. Sie ist das Kraftzentrum, das strömt und strömt und alles zusammenhält. Vernachlässige ich sie, verödet der Garten, verliert das Einfache seine Ausgewogenheit. Die Liebe kann nicht bleiben. Die Kunst gerinnt in lähmende Starre.

V iele Jahre war ich bemüht, die Zeit des Schaffens im Atelier mit Priorität zu behandeln: erst das Malen, dann der Rest! Ohne es zu bemerken, zogen mehr und mehr die Stille und Kontemplation in meine Arbeit und in mein Leben ein. Die Gegenständlichkeit der Bilder verschmolz sich in Abstraktion. Die konkreten Themen verbargen sich in die Stille des Bildraumes. Und die Sehnsucht nach mehr Zeit für die Einkehr in die Stille wuchs und wuchs. Sie fordert mehr Zeit, leise und beharrlich.

N un habe ich tiefer und neu verstanden: Erst kommt die Zeit für die Stille. Aus ihr heraus strömt alles andere: die Liebe, die Kunst, das Einfache, das Grüne. Lebenskunst und Kunst sind wie zwei Schwestern. - Hier will ich münden.

I ch habe erkannt, dass die Grundordnung meiner Vierung neu aufgeräumt werden wollte. Das Kleinbäuerliche beispielsweise gehört in den Garten. Im Feld der Kunst führt es eher zu schrebergärtnerischen Maßnahmen in der Handhabung geistig-geistlicher Fragen. Das ist die falsche Methode im falschen Feld.

I ch habe auch neu für mich verstanden, dass Meditation und Besinnung eine tiefende und wärmende Erfahrung in die Lebensvollzüge und die ansonsten oft zu kalte Abstraktion schenkt. So stiften die daraus erwachsenen Bilder vielleicht den ein oder anderen BetrachterInnen Zärtlichkeit, Trost, Würde und Stille für Leib und Seele, Menschen, die in einer oft rasenden Welt der unkontrollierten Ausbeutung, Zerstörung und Verschmutzung unseres Planenten und der sozialen Gesellschaften existieren müssen.

Herzliche Grüße,
Ihr Gerhard Mevissen
Monschau, 1. September 2015