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Gerhard Mevissen - Newsletter im Mai 2015

Brief aus dem Atelier 22 - Mai 2015


Liebe Freundinnen und Freunde kontemplativer Kunst!

D er Zuruf des Monats Mai widmet sich dem Thema „Patient-Sein“. Für den Text fand ich in dem alten Zyklus „Elementar“ ein mitsprechendes Bild.
Zuruf des Monats April

D ieser Tage kam mir eine länger verlegte, dreiteilige Fotoabbildung in die Hand. Sie zeigt den bekannten Künstler Ai WeiWei aus China, wie er auf dem ersten Foto eine kostbare chinesische Vase in der Hand hält. Das zweite Foto zeigt, wie er sie fallen lässt. Das dritte, wie sie auf dem Boden in Scherben übergeht. Darunter stehen seine Worte:
„As an artist, I am forced to say something.“

D er Satz berührt meine eigenen Erfahrungen mit dem Schaffen von Kunst. Ich sehe mich auch unter einer Gewalt, einem Zwang, einer Verantwortung, aus meinem Kulturkreis heraus in meinem Kulturkreis hinein, etwas zu sagen, was wieder Kultur schafft und eine neue Facette davon fortschreibt, ja, weiter ausformt.

E s geht wohl darum, aus dem, was gerade vorgeht, Poetisches-Spirituelles herauszufiltern und in Bildern und Worten zu verdichten. Und diese „Gedichte“ gehören wiederum nach Draußen gegeben und öffentlich gemacht zu werden. Persönlich gewonnen, werden sie kollektiv und kollektiver und wollen in die Gesellschaft zurück, von wo sie sich als Aufgabe im Künstler gestellt haben.

A ls Künstler fühle ich mich freigestellt, so zu leben, dass ich etwas zu sagen habe und sage. Und ich trage überdies etwas dazu bei, dieses „Gesagte“ für die Menschen auffindbar zu machen, die es empfangen wollen.

A i WeiWei lässt die kostbare, alte chinesische Vase einfach fallen. Bei mir kommt als seine Botschaft an: Ihr lasst Euere kulturellen Wurzeln kaputtgehen und so geht auch alles Menschliche in Scherben über!

I ch frage mich, was ist meine Botschaft als Maler?
Mich hat von Anfang an das Auflesen von Scherben der Würde interessiert und die Herbeiführung einer neuen Konzentration von Würde aus ihren Fragmenten. Mich drängt es, dafür Bildräume der Einkehr, des Trostes und der Erreichbarkeit für das Geistig-Geistliche zu gestalten. Dies ermöglicht es vielleicht auch, einen kleinen Beitrag zu stiften, der eine Verbindung zwischen den großen Gedrängen unserer technisch dominierten Lebenswelt und dem kleinen, bedürftigen Nest unseres Menschseins intensiviert. Das persönlich Menschliche erleben viele als langweilig und minderwertig angesichts der technischen Perfektion und ihrer Megamöglichkeiten. So fällt es leicht, es einfach fallen zu lassen.

M ein Malersein ist seit einigen Jahren in einer einschneidenen Wandlungsphase unterwegs. Nun scheinen sich die schattigen Wälder in mir zu lichten. Neue Wege werden hell. Wohin ich schaue: ein geheimnisvolles Licht. Überall eine zarte Frische. Flüchtiger Tau liegt auf allem. Ein neuer Morgen geht auf nach all den Lebensjahren voller Ringen, geistiger Kämpfe, voll von dem, was ich alles getragen und mitgetragen habe.

D as hat mir Sinn gegeben. Nun aber ist die Zeit für das Leichte, das Langsame, das Segensreiche des Augenblicks und sein greifbar Zartes gekommen. Etwas Freies, Friedvolles öffnet sich in mein Älterwerden als Maler hinein. Ich brauche mir nichts mehr zu beweisen. Ein gesegneter Tag muss kein erfolgreicher Tag sein, sondern ein Tag voller Vertrauen, dass das Mögliche fließen wird. Und das, was fließt, ist in Ordnung, egal wieviel und was es ist. Vielleicht ist es das, was ich im Moment zu sagen habe...

Herzliche Grüße,
Ihr Gerhard Mevissen
Monschau, 1. Mai 2015