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Gerhard Mevissen - Newsletter im Dezember 2014

Brief aus dem Atelier 16 - Dezember 2014


Liebe Freundinnen und Freunde kontemplativer Kunst!

I ch danke Ihnen für die zahlreichen Reaktionen auf meine diesjährige "Jahresgaben" Aktion. Wie im Vorjahr gab es direkte Interaktionen über meine Homepage wie auch interessante und fruchtbare Gespräche im Atelier. Sie haben noch bis zum 6. Dezember die Gelegenheit ein Bild aus der "Jahresgaben 2014" Kollektion zu erwerben.
Jahresgaben 2014

A ls Zuruf des Monats Dezember habe ich einen frischenText ausgewählt und ihm ein Bild aus dem Zyklus „Stille Speicher VI“ an die Seite gestellt, mit dem Untertitel: „Post von der Insel“. Es ist ebenso taufrisch auf meinem Arbeitstisch gewachsen. Text und Bild stehen in einen gewissen thematischen Zusammenhang.
Zuruf des Monats Dezember

M anchmal beginnt es eben mit einem winzigen roten Büttenpapierrest, der unter meiner Schuhsohle klebt. Ich erkenne ein sinnliches Leuchten in seinem Kolorit. Ich betrachte es länger, während das extrem kleine Fragment auf meiner offenen Handfläche vor mir liegt. Einen Augenblick zögere ich noch, es in den Papierkorb zu schnippen. Mein Zögern wächst sich aus zu einem Zaudern. Ich werde neugierig und nehme es mit zum Maltisch. Spontan schneide ich ein kleines Quadrat von 5 x 5 cm aus blütenweißem Büttenpapier zurecht. In seine Mitte lege ich das kleine Rot. Dann schiebt mein Zeigefinger das rote Papierstückchen in die rechte Quadratecke. Jetzt sehe ich einen Brief mit roter Briefmarke, so eine schöne wie die 56-Cent-Marke mit einer roten Rose, die ich in den vergangenen Jahren so gerne auf meine Post geklebt habe.

D amit beginnt nun die schöpferische Arbeit und über einige Wochen des Weiterwachsens und Wieder-Liegenbleibens entfaltet sich ein vollständiges Bildzeichen daraus. Das rote Kleinod zeichnet dafür verantwortlich, dass dieses Bildwesen kleinformatig bleibt, denn das kleine Rot bildet das Zentrum im Bildwerdeprozeß und mißt nur 24 Quadratmillimeter.

E in Fragment aus einem größeren Ganzen heraus zu schneiden, bedeutet meist einen Themenwechsel im schöpferischen Prozeß. Es geht mir dann aber vor allem darum, dass das Bild im Fragment eine stärkere Konzentrierung der geistigen Ladung zulässt als im großen Bild, sozusagen eine Punktschweißung der schöpferischen Energie, die hier im Werdevorgang des Bildes schneidend möglich wird.

E s ist eben auch eine Orientierung in der Suche nach verborgenen Zurufen. Die Botschaften sind dann eher am Saume eines Ganzen, in kleinen unscheinbaren Einschlüssen der Farbhäute oder in kaum wahrnehmbaren Hebungen und Senkungen einer gezeichneten Linie aufzufinden.

V ielleicht hat es auch damit zu tun: Schöpferisch identifiziere ich mich gerne mit dem, was am Boden liegt, was in Vergessenheit geraten ist, mit dem, was eine zu leise Stimme hat, um gehört und gesehen zu werden. Das sind aber meist zentrale menschlichen Anliegen und Kräfte wie Würde, Liebe, Zärtlichkeit, Verständnis, Annahme, Versöhnung, Trost, Stille u.a. Diese Werdekräfte können oft besser im kleinen Bild Platz nehmen und über Fragmente sichtbar und fühlbar werden.

D urch das Heraustrennen eines Fragmentes aus einem größerem Bildganzen wird meist die Kontur eines Gegenstandes deutlich. Ein Rudiment an Gegenständlichkeit braucht meine Bildsprache halt, um persönlich offene Botschaften zu verankern.

O ft erzählen gerade die kantigen Bildschnitte und dem daraus resultierenden Form- oder Farbkörper kleine Geschichten. Dadurch mag sich die kontemplative Dichte etwas schwächen, dafür verstärkt sich das Konkrete zugunsten des Bildes als Denkbild.

Herzliche Grüße,
Ihr Gerhard Mevissen
Monschau, 30. November 2014