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Brief aus dem Atelier 11 - Juni 2014

Liebe Freundinnen und Freunde kontemplativer Kunst,

Für den neuen Zuruf des Monats Juni habe ich einen Text und ein Bild aus dem „Zurufe“-Buch ausgewählt, das im Jahr 2012 im mediArt-Verlag Luxembourg erschienen ist. Ebenso ist der Text in dem umfangreichen Ausstellungskatalog „Zeitheftungen-Buchorte – eine bildnerische Wanderung in das hohe Zeitgebirge des Buchwissens“ bereits von 2010 abgedruckt. Er behandelt den würdigen Umgang mit Fragmenten und stark beschädigten alten Handschriften der Diözesan- und Dombibliothek Köln im Besonderen und den Übertrag auf die Kerben und Brüche des menschlichen Lebens im Allgemeinen.
Zuruf des Monats Juni

Dies kam mir hier in den Sinn, als eine Frau mich während der April-Ausstellung in Haus Hohenbusch ansprach: „Mir ist aufgefallen, dass alle 30 Bilder, die in der Ausstellung zu sehen sind, mehrfach zerschnitten sind. Kein einziges Bild haben Sie ganz gelassen. Warum machen Sie sowas?“
Sie hatte recht, diesmal war kein „heiles“ Bild dabei. Tatsächlich nutze ich die Schere neben dem Pinsel immer intensiver als Gestaltungswerkzeug. Aber warum?

Ich habe mehr und mehr das Verlangen, durch Bildfragmente neue Sinnbalancen zu stiften. Das halte ich für modern, das ist für mich ein Ausdruck für das Heutige in unserer Zeitepoche. Der Einsatz meiner malerischen Mittel ist altmodisch: Papier, Stift und Wasserfarben, Pinsel. Aber das Schneiden und Fragmentieren ist vielleicht das Zeitgenösische an meiner Arbeit. Pinsel und Schere stehen bei mir immer selbstverständlicher gleichberechtigt nebeneinander bei der Bildgestaltung.

Mit der Schere störe ich das Solide und Althergebrachte, hinterfrage es schneidend, rhythmisiere es und bilde neue Zusammenhänge, indem ich die Teile, Faltungen und gerissenen Farbhäute in eine lebendige Balance zu bringen versuche.
Schneiden als Brechung, als Unterbrechung des Bildes; als Pause in der Sichtbarmachung, der Sichtbarmachung des gebrochenen Bildes. Aber darüberhinaus und dadurch hindurch stellt es für mich eine Art Prozeß der Humanisierung des Bildes dar, eine auratische Aufladung des Bildes durch Fragmentierung, eine Aura des Menschlichen im Bild.

Alles ist zerbrechlich und deshalb so menschlich. Das ist so wahr. Das ist uns so ähnlich.Und das bedeutet für mich: Durch das Fragmentieren zerstöre ich das Idyll und die Idealisierungen. Ich nähere mich darüber dem Menschlichen, ja, ich lege es durch Schnitte frei. Die Fragmentierung des Idylls setzt die Freiheit frei, sich neu zurechtzufinden und mit dem Stückwerk neue Sinnzusammenhänge schöpferisch zu finden oder zu bauen.

Der ratlosen Frau, die mich in Haus Hohenbusch nach dem Kaputtmachen der Bilder befragte, habe ich geantwortet: „Ob ein Bild ganz bleibt oder durch Schneideprozesse ein stärkeres Bild wird, fragt sich das Bild selbst. Der Einsatz der Schere ist dann notwendig, wenn der Pinsel nicht weit genug reicht, die geistige Ladung im jeweiligen Bild so weit wie mir möglich auszuschöpfen. Spüre ich, dass die Schere hier die größere geistige Reichweite hat, gestalte ich durch Schneiden weiter. Letztlich sind auch Schnitte Linien und Zeichnung, unradierbar und nicht zurücknehmbar. Als Maler muss ich mich hier ganz genau entscheiden.

Herzliche Grüße,

Ihr Gerhard Mevissen
Monschau, 1. Juni 2014