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Brief aus dem Atelier 10 - Mai 2014

Liebe Freundinnen und Freunde kontemplativer Kunst,

Als Zuruf des Monats Mai habe ich wieder eine „autobiographische Architektur“ ausgewählt, in der ich als Fünfjähriger in der Streuobstwiese meines Großvaters unter den herunterfallenden Kirschblütenblättern stehe und versuche, sie mit meinen Kinderhänden aufzufangen. Vergeblich warf ich sie wieder an die Zweige zurück.
Als Bild stelle ich eine rottonige Arbeit aus dem Zyklus „Lichtung Stillefeld“ daneben, in der ein Ort der Stille, sanftes, eben „weiches“ Weiß ausfaltet.
Zuruf im Mai 2014

Diese Kirschbaumszene weist in das Jahr 1961 zurück, in dem mein Großvater kurz vor dem Ende des Winters plötzlich verstorben ist. So wurde mir der Moment der fallenden Blüten als Kind zur ersten Begegnung mit der Vergänglichkeit. Das Thema der Sterblichkeit war angekommen in mir. Wenige Jahre später starben meine Cousine Marliese und meine kleine Schwester Maria.

„Das weiche Weiß zu retten“, ist mir darüberhinaus auch ein Sinnbild für meine Malgründe aus handgeschöpftem, weißem Büttenpapier und seine zentrale, poetische Realität im Malprozeß. Der Umgang mit der Farbe Weiß ist mir die letzte Essenz im Umgang mit der Tongebung der Farbklänge. Hier ist nicht die gemalte weiße Farbe gemeint, sondern das natürliche Weiß des Büttenpapieres.

Das ist der basale Grund für die Lichtführung im Aquarell, denn das Licht, das durch die luizide Aquarellfarbe auf das Büttenweiß trifft, wird vom Papiergrund durch die Farbe hindurch wieder zurückgeworfen. So sieht der Betrachter ein von hinten ausgeleuchtetes Bild - wie eine Art Glasfenster. Die Arbeit an einem neuen Bild beginnt immer mit der Wahl einer der unterschiedlichen Weißtönungen der verschiedenen Büttenpapiere. Denn das Papierweiß entscheidet mit über die Temperatur eines Aquarells.

Das „weiche Weiß“ des unberührten Papiergrundes läd ein, darin eine Linie einzuschreiben, ein erhebendes Gefühl voller Emotion. Es kann aber auch Angst auslösen, hier zu versagen und das schöne, sinnlich kostbare Weiß frisch aus der Papiermühle mit einem mißlungenen Bild zu verschmutzen. So ist Malen auf „weichem Weiß“ ein zweischneidiger Akt zwischen der Lust, hier eigene Linien und Töne zu hinterlassen, und der Furcht, hier zu versagen.

Oft berauscht mich das Verlangen, mit einem Bleistift, mit einer Farbtube oder einem gutgefüllten Pinsel hier meine schöpferische Spur zu ziehen, mich einzuschreiben in ein freies Feld, das ganz persönlich und unberührt mir für meine kreativen Bewegungen offensteht und dann wirklich Erlebtes eines Augenblicks aufbewahrt.

Es hat für mich immer etwas von den leuchtenden Augenblicken des Lebens, in denen mir nur gerade jetzt die Möglichkeit gewährt wird, mit Sinn zu handeln. Manchmal liebe ich es, solche erhebenden Augenblicke dazu zu nutzen, auf das schöne Handgeschöpfte zu schauen und es einfach so als Geschenk zu genießen. Dann lasse ich diesen kostbaren Moment mit Andacht verstreichen, ohne malend zu handeln und „rette das weiche Weiß“ durch Stillehalten.


Ein Hinweis:
Vom 16. Mai bis 1. Juni 2014 findet in der „GALERIE am schwarzen Meer“ in Bremen eine Ausstellung mit Bilder von der Osnabrücker Kunststudentin Anna Horries und mir statt. Mein Bildbeitrag wiederum beschäftigt sich mit Gedichten meiner Tochter Katharina. Alle interessierten Menschen sind herzlich zur Eröffnung am Freitag, dem 16. Mai, um 18.00 Uhr eingeladen.
Weitere Informationen zu dieser Ausstellung finden Sie auf meiner Internetseite.

Herzliche Grüße,

Ihr Gerhard Mevissen
Monschau, 11. Mai 2014