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Gerhard Mevissen - Brief aus dem Atelier 5

Liebe Freundinnen und Freunde kontemplativer Kunst

Das neue Jahr beginne ich mit einem Zuruf, der sich mir im Laufe des vergangenen Jahres meiner gesundheitlichen Krise wie ein lichtvolles Fenster geöffnet hat: "Boot ohne Ruder". Als Bild stelle ich ihm eine "Bleibe im Treibenden" gegenüber.

Diese Worte sind wie eine Morgenmeditation oder ein Motto, unter dem ich in den Tag, aber auch in das neue Jahr starten möchte. Gleichzeitig beschreibt es nicht nur meine Art und Weise in den Tag zu kommen, sondern auch den Weg der Kreation meiner Bilder: das möglichst absichtlose Empfangen von Eingebungen und Zurufen aus der Stille.

Kopflastige Suchprozesse sind meine Sache nicht. Die empfinde ich oft wie energische Klimmzüge an kalten Turnstangen, eben eher eine sportliche Übung.
Ich suche lieber mit der Seele - wärmegeleitet - und über eigene Erfahrungen. Der Kopf hat hier einen Platz in der Reflexion des Erlebten und in der philosophischen Nachlese.

Boot ohne Ruder - das bedeutet auch, sich immer wieder auf den Prozess zu begeben, die bisherigen inneren Bilder und Vorstellungen loszulassen, wenn dies reif ist, also das nächste Bild hinter dem Bild zu entdecken, das Bild hinter dem Bild hinter dem Bild hinter dem Bild.

So versuche ich meine Bilder zu malen, dass die BetrachterInnen im selben Bild immer wieder das neue Bild im Bild oder das Bild hinter dem Bild finden können, wenn sie es möchten. Dann ist das Fahren mit einem Boot ohne Ruder keine Tragödie der Steuerungslosigkeit, sondern eine Reise des Vertrauens auf eine Führung durch poetische und spirituelle Kraftfelder, die Richtung und Erneuerung schenken.

In der Sprache der Psalmen gesprochen, könnte das so klingen: Der Gute Hirte sagt zu mir: Sei dein eigener guter Hirte. Höre auf, dich zu übertreiben. Finde dein eigenes, heilsames Tempo heraus. Führe deine starken Potenziale so, dass das, was schwach ist in dir, das, was krank ist, was verbraucht, ebenso wie das, was gerade zart und jung in dir nachwächst, dass all das mitkommen kann und wie eine gut geführte Herde sich im Einklang bewegt.
So schaffst du es, durch die engen, dunklen Täler zu kommen und schließlich zu den frischgrünen Auen und an die Wasser der Ruhe zu gelangen.

Herzliche Grüße,

Ihr Gerhard Mevissen
Monschau, 01. Januar 2014